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Generelle Wirkungsweise und Wirkungsfaktoren von Bandagen und Orthesen - Teil 1
Die Wirkung von Bandagen und Orthesen beruht auf mehreren Faktoren, die in der Regel nicht isoliert, sondern in Kombination wirken. Je nach Konstruktion und Funktion des Hilfsmittels können dabei aber einzelne Faktoren stärker in den Vordergrund rücken:
 
Kontraindikationen gegen Bandagenanwendung
Ebenso wie für medizinische Kompressionsstrümpfe gibt es auch für Bandagen Kontraindikationen, bei denen diese komprimierenden Hilfsmittel nicht eingesetzt werden dürfen. Ein normgerechter Druck kann aber auch dann zum Risikofaktor werden, wenn
  • lokal zu hohe Kompressionswerte erreicht werden,
  • die Kompression über zu lange Zeiträume einwirkt,
  • ungünstige Gelenkstellungen eingenommen und lange gehalten werden (z.B. Sitzen mit stark gebeugten Beinen) und
  • Kompression und körperliche Inaktivität zusammenfallen.
Absolute Kontraindikationen:
  • fortgeschrittene arterielle Verschlusskrankheit
  • tiefe Beinvenenthrombose
  • septische Phlebitis
Relative Kontraindikationen:
  • massive peripher vom oder unter dem Hilfsmittel gelegene Ödeme
  • fortgeschrittene periphere Neuropathie (z. B. Diabetes mellitus)
  • Unverträglichkeit auf verwendete Kompressionsmaterialien
 
Kompression
 
Typisches Merkmal von elastischen Bandagen ist ihre komprimierende Wirkung.
Kompression bedeutet: Ausübung von Druck auf das darunterliegende Gewebe.
 
Klammert man Geräte zur intermittierenden Kompression aus, so kann Kompression passiv durch elastische Materialien oder aktiv durch Muskelarbeit aufgebaut werden. Voraussetzung ist, dass die entsprechenden Körperteile durch eine eng anliegende, schlauchförmige Hülle zirkulär umfasst werden.
 
Bei entspannter Muskulatur, also im Ruhezustand, hängt die Kompressionsstärke von den elastischen Eigenschaften und vom Dehnungsgrad des Materials ab. Eine große elastische Rückstellkraft und starke Dehnung ergeben eine hohe Kompressionswirkung - einen hohen Ruhedruck. Bei Kontraktion des Muskels, also im Arbeitszustand, vergrößert sich der Muskelquerschnitt. Die schlauchförmige Hülle setzt der Ausdehnung des Muskels einen Widerstand entgegen. Dieser Gegendruck ist umso größer, je stärker das Ausdehnungsbestreben des Muskel und je weniger nachgiebig die Hülle ist. Starke Ausdehnungskraft und unnachgiebiges, unelastisches Material führen damit zu einem hohen Arbeitsdruck. Dieser kann z. B. im Wadenmuskel mehr als 300 mm Hg erreichen, wobei hier die nahezu unelastische Muskelfaszie als „körpereigener Kompressionsstrumpf“ wirkt. Auf diese Weise kann der Wadenmuskel zum Hilfsherz werden und den venösen Rückstrom verbessern.
 
Die Bedeutung der Kompression liegt in folgenden Punkten:
  • Erhöhung des Drucks im Gewebe
    beschleunigter Abbau von Ödemen und Hämatomen
  • Vorbeugung bei Gefahr von Ödembildung
    Bei ausreichender Stärke erreicht die Kompressionswirkung neben der Haut auch tiefer gelegene Gewebe und Organe. In diesen Regionen können die Bildung und der Abbau von Ödemen beeinflusst werden.

Das Ödem ist ein Schwellungszustand, der durch eine Vielzahl von Ursachen hervorgerufen werden kann. Dazu gehören Thrombose, Herz- und Nierenerkrankungen ebenso, wie lokale Gewalteinwirkungen wie Zerrungen, Verrenkungen und Verstauchungen. Diese können zur Zerstörung von Blut- und Lymphgefäßen sowie von Zellmembranen führen und Schwellungszustände hervorrufen. Gemeinsames Merkmal des Ödems ist der verstärkte Einstrom von Flüssigkeit in den interstitiellen Raum. Kompression erhöht den Druck im Interstitium und unterstützt den Rückstrom dieser Flüssigkeiten in die Kapillaren und feinen Lymphgefäße. Dieser Prozess wird vermutlich durch die Veränderung der Durchlässigkeit der Kapillarwände unterstützt. Der Einfuß von Kompression auf den Blut- und Lymphstrom gehört zu den grundlegenden Wirkungen der Kompressionstherapie und den am besten untersuchten Wirkungsmechanismen. Bei der Anwendung von Kompressionsbandagen in der Orthopädie wird die rheologische  Wirkung in der Regel auf ein bestimmtes Gelenk fokussiert und durch den Einsatz von Pelotten verstärkt. Dabei wird angestrebt, dass die gesamte Gelenkregion komprimiert wird und keine Kompressionsfenster entstehen. Wichtig ist zudem, dass vor allem die Weichteile des Gelenks, wirksam und wenn möglich intermittierend komprimiert werden. Die intermittierende Kompression entspricht dem Wechsel von Ruhe- und Arbeitsdruck der Wadenpumpe. Sie verbessert die Versorgungslage im Gelenk und unterstützt den Abbau von Schwellungen und Ergüssen. 

Stärke der Kompression in verschiedenen Anwendungsgebieten

Angaben zur Kompressionsstärke beziehen sich in der Regel auf den Druck, der auf die Hautoberfläche ausgeübt wird und auf einen bestimmten Anwendungsort. Bei Kompressionsstrümpfen ist das die Fesselregion, über der das so genannte b-Maß abgenommen wird. Bei Bandagen liegt die Kompressionsstärke je nach Bandagentyp und Anwendungsort in der Regel zwischen 20 und 30 mmHg. Das entspricht der Kompressionsklasse 1 und 2, wobei für Bandagen im Unterschied zu medizinischen Kompressionsstrümpfen keine verbindlichen Festlegungen zur Kompressionsstärke existieren.

Phlebologie
(Medizinische Kompressionsstrümpfe) Kompressionsklassen:

  • I 18-21 mmHg
  • II 23-32 mmHg
  • III 34-46 mmHg
  • IV 49 mmHG und höher
Orthopädie
(Kompressionsbandagen)
  • Unterschiedliche Angaben
  • keine genauen Festlegungen
  • Werte für die untere Extremität liegen im Bereich der Kompressionsklasse I und II in Abhängigkeit vom Anwendungsort. (höhere Werte für Sprunggelenk als für Knie).
Dermatologie
(Hilfsmittel zur Narbenkompression)
  • unterschiedliche Angaben
  • in der Regel 24-55 mmHg
Chirurgie
(Thromboseprophylaxestrümpfe)
  • Fesseldruck: 13-18 mmHg
  • Knie: 60-80% des Fesseldrucks
  • Oberschenkel: 40-70% des Fesseldrucks
    (nach Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie)
Plastisch-ästhetische Chirurgie
(Hilfsmittel zur Narbenkompression und zur Sicherung des operativen Ergebnisses)
  • keine genauen Angaben,
  • Produkte sind in der Regel auf Kompressionsklasse I und II ausgelegt.
 
Entlastung:

Mechanische Entlastung hochbeanspruchter Teile des Bewegungsapparates; beispielsweise kann der Achillessehnenansatz durch leichte Spitzfußstellung mittels Fersenkeil entlastet werden.
Abb. 1 Silistab Achillo

Die Entlastung überbeanspruchter oder geschädigter Strukturen des Bewegungsapparates ist ein Grundprinzip bei der Behandlung von Reizungen, Überlastungszuständen und während der Ausheilung von Verletzungen. Die Entlastung kann auf direktem Wege erfolgen, indem Kräfte auf Orthesen und Schienen übertragen werden, oder indirekt. Dabei tragen unterschiedlicher Faktoren zur Entlastung bei:


  • Bewegungsbegrenzung,
  • Bewegungsführung (mechanisch und propriozeptiv),
  • Lastumverteilung (innerhalb des Bewegungsapparates oder vom Bewegungsapparat auf das Hilfsmittel),
  • Minderung der Muskelspannung,
  • Immobilisation.

Die durch Orthesen erzielbare Entlastungswirkung für Extremitäten und Gelenke wird oft überschätzt. Auch bei Überbrückung eines Gelenks und scheinbar vollständiger Entlastung vom Körpergewicht wird nur eine Teilentlastung erreicht, da der Ruhetonus fortbesteht und so ein nicht unerheblicher Muskelzug weiterhin auf das Gelenk wirkt. Druckmessungen haben ergeben, dass z. B. im Hüftgelenk durch entsprechende Konstruktionen nur eine Entlastung zwischen 20 und 30% erreicht wird.

Eine vollständige Entlastung von Teilen des Skeletts ist somit kaum möglich und in der Regel auch nicht erforderlich. In vielen Fällen wird durch die orthopädie­technische Versorgung eine Umverteilung der Belastung von der verletzten auf andere, gesunde Strukturen vorgenommen.
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